Dagmar Wagenknecht hat jährlich 40.000 Gäste, entwickelte das Seniorenkino, den Krönbacken als Freiluft-Angebot, Kinder- und Wanderkino und die "Filme im Garten". Foto: Mario Gentzel
Dagmar Wagenknecht, die Chefin des Erfurter Kinoklubs, liebt die 170 Quadratmeter am Erfurter Hirschlachufer und verteidigt diese mit weiblicher Beharrlichkeit. Begonnen hat sie ihre berufliche Laufbahn als Sekretärin.
Erfurt. "Das nehm ich meinen Erfurtern übel", sagt Dagmar Wagenknecht und presst ein wenig die Lippen zusammen. Doch die Augen grinsen dazu ein bisschen, das Mürrische ist nur teilweise ernst gemeint. Dieses "das", von dem die Chefin des Erfurter Kinoklubs spricht, ist die relativ kleine Liebe des Publikums zum Dokumentarfilm. "Es gibt so tolle Filme, und meine Leute wollen das nicht." Tatsächlich: Sie sagt "meine Leute", obwohl sie nahe Weimar lebt. Unverdrossen holt sie weiterhin Dokumentarfilme. Irgendwann wächst vielleicht die Fangemeinde des Dokumentarfilms. Dagmar Wagenknecht ist beharrlich. Ohne sie, ohne ihre Beharrlichkeit wäre der Kinoklub heute vielleicht ein Café oder eine Boutique. Doch die Kinoverrückte hat diese 170 Quadratmeter all die Jahre festgehalten. Das Hirschlachufer ist seit Jahrzehnten eine Adresse für Menschen, die Popcorn nicht mit dem typischen Kinogeruch verbinden. Dagmar Wagenknecht verteidigt ihr Programmkino ungefähr mit derselben Inbrunst, mit der sie als Kind den Zauber der Leinwand entdeckt hat. Sie muss dafür nicht laut werden. Bei schiefen Argumenten winkt sie stattdessen ab. Das hat sie beispielsweise auch vor sechs Jahren getan, als das Rechnungsprüfungsamt bei ihr ins Büro schneite. Jeden Zettel haben sie umgedreht und tatsächlich Fehler gefunden. Nein, das Geld war ordentlich ausgegeben worden. Aber falsch verbucht. 10. 000 Euro mussten die vom Kinoklub zurückzahlen. "Das waren unsere Rücklagen." Dagmar Wagenknecht ist krachsauer. Sie schreibt in das nächste Programmheft, dass sie enttäuscht ist von der Stadt. Der damalige Kulturdezernent will sie zwingen, das Geleitwort zum Programm zu ändern. "Wollen Sie Krieg?", hat er gefragt. "Nein." Das mit der Enttäuschung hat sie dennoch stehen lassen. Irgendwann hat Dagmar Wagenknecht ihr Berufsleben als Sekretärin begonnen. Wirklich interessiert hat diese Arbeit sie nicht. Ein bisschen schuld daran ist die Mutter. Weil die zur Arbeit muss, ist das Kind allein zu Hause. Also geht das Mädchen ins Kino. Dort findet es eine Welt zum Träumen, wenn das Licht aus- und der Filmprojektor angeht. Die Leinwand ist für die Kleine Magie.
Schulterzucken für Haushaltssperre
In Weimar gibt es einen Filmklub. Dort ist die Jugendliche ständiger Gast, später arbeitet sie sogar im Vorstand mit. Barbara Hejlik, die erste Erfurter Kinoklub-Chefin, fragt Dagmar Wagenknecht, ob sie nicht nach Erfurt kommen wolle. Hauptberuflich, versteht sich. Dagmar Wagenknecht sagt ab. Ach, in eine andere Stadt fahren. Das ist doch viel zu weit. 1982 hat man tatsächlich noch so gedacht. Sie lacht los und rudert mit den Händen durch die Luft, wenn sie sich daran erinnert. Die linke Hand kommt gefährlich nah an die Stirn. So blöd war ich, sagt sie. Zum Glück wird sie später noch einmal gefragt. Da sagt sie ja. Das ist jetzt 30 Jahre her. Vor wenigen Tagen war sie in Paris, Montparnasse. Am Grab von Susan Sontag. So was macht sie immer, wenn sie zu den Sitzungen von Europa Cinemas fährt. Leute, die sie aus Büchern oder von der Leinwand kennt, die besucht sie an ihren Gräbern. Das gehört irgendwie zu ihrem Verständnis vom Leben mit dem Kino dazu.
Das ist kein Voyeurismus, das ist Verehrung. Irgendwie hat sie diese Menschen doch gekannt. Die haben ihr Geschichten erzählt, sie zum Lachen, zum Weinen, zum Nachdenken gebracht. "Da will ich auch sehen, wo sie nun ruhen." Dagmar Wagenknecht hat jetzt von der Haushaltssperre gelesen, die die Stadt für die sogenannten freiwilligen Leistungen verhängt hat. Wieder diskutieren ihre Hände heftig mit. "Nein, bei uns ist nichts mehr zu holen." Sie sagt das auf eine Weise, dass man es ihr glaubt. Ohne diese 52 Plätze im Hirschlachufer wäre die Stadt ärmer, regelrecht arm. 200.000 Einwohner brauchen mehr als nur ein Kino. Beharrlich hat sie dem Kino sein Überleben im Erfurter Alltag gesichert. So, wie sie ihren Gästen das Glas Wein, die Cola, das Bier gerettet hat. Obwohl sie dafür Strafe zahlen musste. 500 Mark. Ein Kino ist keine Kneipe. Sie zahlt und knirscht mit den Zähnen. Sie schenkt weiter aus. Beinahe ohne Gewinn. Wieder sagt sie sich, dass Beharrlichkeit zum Ziel führt. Derselbe Mann vom Ordnungsamt, der ihr einst die 500 Mark Strafe aufgebrummt hat, gibt nun die Ausschank-Erlaubnis. Dagmar Wagenknecht weiß nicht, wieviele Filme sie bislang gesehen hat. Schade eigentlich. Auf jeden Fall hat sie Tausende zu Hause. "Mein Film-Archiv ist enorm", sagt sie. Die Hände umschreiben einen großen Raum. Vorerst hat sie dafür kaum Zeit. Denn Berlinale und andere Festivals und ihre Arbeit bei der Filmbewertungsstelle sind wichtiger. Und natürlich ihr Kino mit den Mitarbeitern. "Ohne die ginge vieles nicht." Wirklich übel nimmt sie den Erfurtern übrigens nichts. Weil die ihr Kino lieben.